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Sneakery Stories - Melodie Michelberger


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Im Portrait: Melodie Michelberger

PR-Beraterin, Trust the Girls-Mitgründerin und alleinerziehende Mutter

Melanie-Jasmin Jeske, öffentlich bekannt als Melodie Michelberger, hat einen größeren Hut als andere Menschen – so erklärt sie ihre Fähigkeit, mehr Aktivitäten in ihrem Leben unterzubringen, als es für eine einzige Person möglich erscheint. Melanie arbeitet als Beraterin für nachhaltige Modelabels; betreibt eine Plattform für feministische Themen und Events; ist im Netz eine der bekanntesten deutschen Body-Positivity-Aktivistinnen und erzieht ihren Sohn Julian im Alleingang. Wir treffen Melanie an einem heißen Sommertag in ihrer Hamburger Wohnung, wo sie uns erzählt, welches einschneidende Erlebnis sie dazu gebracht hat, ihr Leben komplett umzustellen (und ihre Wohnung bunt zu streichen), wie sie gelernt hat, ihren Körper zu lieben und warum die Phase, als sie nur noch Schwarz getragen hat, ein Unfall war.

Welche Geschichte steckt hinter deinem Künstlernamen?

Mit 16 war ich ein Jahr lang auf einer Highschool in Amerika, und dort saß ich im Klassenzimmer neben einem Mädchen namens Harmony. Wir sind beide oft zu spät gekommen, haben viel geredet und sind ziemlich aufgefallen, also haben die Lehrer irgendwann angefangen, uns "Melodie and Harmony" zu nennen. Und plötzlich war ich für alle nur noch Melodie. Zurück in Deutschland habe ich das Ganze erst mal wieder vergessen, bis ich irgendwann beschlossen habe, den Namen wieder einzuführen und meine ganzen Social Media Accounts so zu nennen. Der Michel, also die Michaeliskirche, ist das Wahrzeichen von Hamburg, und wir sind hier quasi auf einem Berg – daher der Nachname.

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Was hat dich dazu bewegt, dir einen anderen Namen zu geben? Du hast dich damit ja auch ein Stück weit zu einer Marke gemacht.

Ich wollte damals einfach nicht mit meinem Klarnamen auf Social Media erscheinen. Ich hatte keine Ahnung, dass der Name sich irgendwann so etablieren würde, dass Leute damit ganz bestimmte Dinge assoziieren. Viele wissen gar nicht, dass das nicht mein echter Name ist, oder sie richten Melodie schöne Grüße aus, weil sie denken, dass wir zwei unterschiedliche Personen sind (lacht).

Viele wissen gar nicht, dass das nicht mein echter Name ist, oder sie richten Melodie schöne Grüße aus, weil sie denken, dass wir zwei unterschiedliche Personen sind

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Welcher Teil von dir ist Melodie, und welcher Melanie? Gibt es Unterschiede zwischen den beiden?

Ich bin mal mehr Melodie, mal mehr Melanie. Hier zuhause oder beim Elternabend meines Sohnes bin ich definitiv mehr Melanie. Aber wenn ich auf dem Podium stehe, bin ich für die Menschen Melodie, weil ich das widerspiegele, was ich auch bei Instagram kuratiere. Wenn ich mit meinen Freunden auf der Wiese sitze, dann ist das eine Mischung. Mittlerweile komme ich sogar selbst durcheinander, weil ich nicht ganz stringent bin mit der Trennung. Mein Sohn ist manchmal ein bisschen verwirrt, er fragt mich, ob er mich Mama Melodie oder Mama Melanie nennen soll, aber eigentlich macht es ihm nichts aus, für ihn bin ich einfach Mama.

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Beruflich hast du auch mehrere Facetten: Neben deiner PR-Arbeit engagierst du dich für feministische Themen, vor zwei Jahren hast du dafür die Plattform "Trust the Girls" zusammen mit Eva Dietrich gegründet. Wie verhalten sich diese zwei Bereiche zueinander?

Hauptberuflich mache ich Pressarbeit für lokale und nachhaltige Modelabels. Mit dem Trust the Girls-Projekt verdiene ich kein Geld, das mache ich ehrenamtlich, obwohl es natürlich auch Arbeit ist. Bei unserer ersten Veranstaltung, einer Podiumsdiskussion, kamen statt der 80 Leute, mit denen wir gerechnet hatten – "Wer kommt schon an einem Donnerstag zu einer feministischen Veranstaltung?", dachten wir – über 400. Das hat uns bestärkt, weiterzumachen. Wir haben gemerkt, dass die Leute mehr wollen, als sich "Girl Power" auf das T-Shirt zu schreiben. Sie wollen den Begriff mit Inhalt füllen und herausfinden, was er für sie persönlich bedeutet.

In der Gesellschaft wird nicht wirklich wahrgenommen, dass man als Alleinerziehende alles alleine stemmen muss

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Wer kommt schon an einem Donnerstag zu einer feministischen Veranstaltung?

Es geht uns auch darum, Menschen zusammenzubringen, die sich sonst nicht getroffen hätten: Feministinnen, die sich schon ganz lange mit dem Thema beschäftigen; Leute aus der Queer-Ecke; und viele aus der Modebranche, die ich mitgebracht habe, und für die Begriffe wie "CIS" völlig neu sind.

Wir wollten eigentlich jeden Monat eine Veranstaltung organisieren, aber dafür fehlt uns einfach die Zeit. Ich bin alleinerziehende Mutter, habe einen Vollzeitjob und mache parallel Trust the Girls – ehrlicherweise habe ich mich damit ein bisschen übernommen. Wir wollen mit der Plattform kein Geld verdienen, weil wir mit Feminismus kein Geld verdienen wollen. Das ist natürlich schwierig, weil wir uns damit im Kreis drehen, und unsere Arbeit ja auch irgendwie entlohnt werden muss. Also versuchen wir gerade, Unterstützung von Stiftungen zu bekommen. Wir wollen das Projekt aber nicht kommerzialisieren.

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Wir haben gemerkt, dass die Leute mehr wollen, als sich "Girl Power" auf das T-Shirt zu schreiben

Wenn du zurückschaust auf deine Karriere: Gibt es einen Moment, der für dich ein klarer Wendepunkt war?

Ich komme aus Süddeutschland, aus einem kleinen Dorf mit Blick auf die Schwäbische Alb, unglaublich idyllisch. Aber mein Traum war es immer, nach Hamburg zu ziehen und dort als Moderedakteurin zu arbeiten. Mit 21 bin ich endlich hingezogen, aber ich hatte keine Ahnung, wie ich meine Karriere angehen sollte. Damals gab es noch keine Modejournalismus- oder Mode-PR-Studiengänge und meine Abiturnote hätte nicht gereicht, um Journalismus zu studieren. Also habe ich beschlossen, meiner zweiten Leidenschaft nachzugehen und Grundschullehramt zu studieren. Aber der Wunsch, Moderedakteurin zu werden, ist geblieben.

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Durch Zufall und viel Glück bin ich dann an ein vier-Wochen-Praktikum bei der AMICA gekommen. Der Monat war unglaublich anstrengend, auch weil ich das Gefühl hatte, nicht wirklich reinzupassen als Mädchen aus dem Dorf mit selbstgenähten Kleidern. Aber ich habe mich zusammengerissen und weitergemacht. Nach dem Praktikum konnte ich als Studentin bei der Syndication von Gruner + Jahr weiterarbeiten. Irgendwann klingelte dort das Telefon, es war jemand von der Brigitte dran, der mir einen Job als Assistentin anbieten wollte. Das war der klare Wendepunkt in meinem Berufsleben: Ich habe mein Studium abgebrochen, war zwei Jahre lang Modeassistentin bei der Brigitte, und dann fünf Jahre lang Redakteurin bei der Gala.

Der Monat war unglaublich anstrengend, auch weil ich das Gefühl hatte, nicht wirklich reinzupassen als Mädchen aus dem Dorf mit selbstgenähten Kleidern

Und wenn du ein Kapitel in deinem Berufsleben löschen könntest? Welches wäre das?

Löschen würde ich eigentlich nichts. Alles, was ich erlebt habe, baut aufeinander auf. Auch Dinge, die nicht funktioniert haben – es ist wichtig sie zu verarbeiten, um es beim nächsten Mal besser zu machen. Ich hatte vor drei Jahren einen Burnout und war fast anderthalb Jahre krankgeschrieben. Darauf hätte ich gerne verzichtet, oder zumindest hätte ich gerne früher eingesehen, dass ich besser auf mich aufpassen muss.

Hast du im Nachhinein verstanden, wie es zum Burnout gekommen ist?

Damals war ich überfordert mit dem Leben als junge Mutter. Der Vater meines Kindes ist nach Berlin gezogen, ich bin mit Julius in Hamburg geblieben und habe Vollzeit gearbeitet, weil ich sonst meinen Job verloren hätte. Obwohl es viel zu viel war, habe ich es fünf Jahre lang mitgemacht. Ich habe mich einfach nicht getraut, es auszusprechen. Als Mutter trägt man einen großen Ballast mit sich rum, es allen recht zu machen, und alles richtig zu machen. Ich habe mich zerrissen gefühlt zwischen meiner Arbeit – irgendwann habe ich aufgehört, Mittagspausen zu machen, um alles zu schaffen – und meinem Sohn, dem ich natürlich auch gerecht werden wollte. Ich bin nur noch gerannt, war immer atemlos, bis ich irgendwann im Büro einfach umgekippt bin.

Meine Ärztin meinte damals, dass es viele alleinerziehende Mütter trifft – irgendwann kommt der Burnout. Ich mag es ja eigentlich, wenn es trubelig und stressig ist, dann laufe ich in Hochform auf. Aber ich vergesse dann auch alles andere, und vor allen Dingen Ruhephasen einzuplanen, in denen ich einfach nichts mache. Das ist mir jetzt bewusst, und wenn ich merke, dass mir alles zu viel wird, nehme ich mir Zeit um durchzuatmen und das Herz ausruhen zu lassen.

Das ist etwas, was ich aus dem Burnout gelernt habe. Man muss nach Hilfe fragen, und sie auch annehmen

Ist damals niemandem aus deiner Umgebung aufgefallen, in welcher Situation du warst?

Das ist etwas, was ich aus dem Burnout gelernt habe. Man muss nach Hilfe fragen, und sie auch annehmen. Es lässt einen nicht schlecht dastehen, und es ist kein Makel, wenn man als Mutter sagt: "Hilf mir, ich kann nicht mehr".

Wie sieht es aktuell bei dir aus? Wie kriegst du deine beruflichen Aktivitäten und die Erziehung deines Sohnes unter einen Hut?

Ich glaube, dass mein Hut ein bisschen größer ist als der Hut von anderen Leuten, aber ich muss auch zugeben, dass ich ein ziemlich schlechtes Zeitmanagement habe (lacht). Praktisch bedeutet es, dass ich leider nicht so viel Zeit für andere Dinge habe. Ich gehe vielleicht zweimal in der Woche laufen, oder zum Yoga, aber jeden Tag Freizeit zu haben ist für mich nicht machbar. Als alleinerziehende Mutter ist das so, ich arbeite entweder, oder bin zuhause bei meinem Sohn.

Vor kurzem hat mir eine Frau geschrieben, dass sie gerade das erste Mal in ihrem Leben einen Bikini getragen hat. Wegen mir!

Und was machst du, wenn du mal Zeit für dich brauchst? Nimmst du dir einen Babysitter, machst du Urlaub?

Einen Babysitter habe ich manchmal, um abends etwas unternehmen zu können. Aber es ist teuer. Und im Urlaub war ich schon lange nicht mehr! Ich weiß nicht, wie andere es machen, aber als Selbstständige finde ich es sehr schwierig, sich zu erlauben, Urlaub zu machen. Das muss ich noch lernen.

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In der Gesellschaft wird nicht wirklich wahrgenommen, dass man als Alleinerziehende alles alleine stemmen muss. Man kriegt nichts geschenkt, auch steuerlich bekommt man keinerlei Unterstützung. Meine Steuerberaterin hat mir letztens vorgerechnet, wie viel ich sparen würde, wenn ich verheiratet wäre. Und sogar als verheiratete Frau ohne Kinder wäre ich steuerlich besser dran, was ich unglaublich finde. Der deutsche Staat bevorzugt einfach verheiratete Paare. Und das traurige ist, dass Alleinerziehende keine Zeit haben, sich zu organisieren und für ihre Rechte zu kämpfen, also haben sie keine Lobby. Es ist auch viel Scham dabei – gerade aus der rechten Ecke hört man ja oft, dass Alleinerziehende nicht gefördert werden sollten, weil sie ja selbst schuld sind an ihrer Situation. Dabei zerbricht ja mittlerweile fast jede zweite Ehe. Man müsste andere Frauen – und Männer – dazu inspirieren, für Alleinerziehende auf die Straße zu gehen.

Und das traurige ist, dass Alleinerziehende keine Zeit haben, sich zu organisieren und für ihre Rechte zu kämpfen, also haben sie keine Lobby

Deine bunte Wohnung ist die Kulisse für die meisten deiner Posts, und mittlerweile fester Bestandteil deines Images. Wie lange wohnt ihr schon hier? Was hat deinen Einrichtungsstil geprägt?

Wir sind 2005 hier eingezogen. Während meines Burnouts hatte ich das Gefühl, dass mir die Wohnung nicht guttut, also habe ich angefangen, sie zu streichen, als eine Art Therapie. Sie für mich schön zu machen. Viele Leute haben mir davon abgeraten, das Zimmer dunkel zu streichen – es würde den Raum viel kleiner machen, dunkle Farben wären sehr schwierig zu streichen... Das stimmt überhaupt nicht! Dunkle Wandfarben machen das Zimmer sogar größer.

Ich habe keinen konkreten Stil, aber ich liebe Farben, das ist mein roter Faden. Ich liebe Pflanzen und viele Kissen, Hauptsache bunt! Mir hat mal jemand einen sehr guten Tipp gegeben: Man sollte von Anfang an in eine hochwertige Grundausstattung investieren. Kleinere Sachen wie Kissen oder Wanddeko kann man nach und nach kaufen, und auch öfter austauschen. Für uns war es damals viel Geld, einen guten Tisch, ein gutes Bett und so weiter zu kaufen, aber wir haben es trotzdem getan. Hochwertige Möbel kann man auch immer wieder verkaufen, wenn man sie nicht mehr mag.

Ich habe keinen konkreten Stil, aber ich liebe Farben, das ist mein roter Faden

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So markant wie deine Wohnung ist auch dein Kleidungsstil – du trägst fast ausschließlich bunte Kleider. Woher kommt dein Faible für Buntes?

Als Teenager habe ich mir oft das "Brigitte Kreativ" Heft gekauft und Sachen daraus nachgenäht, nur eben in Bunt. Ich wusste schon immer, was mir gefällt. Aber als ich Moderedakteurin wurde, hatte ich einen kleinen "Unfall": ich habe nur noch Schwarz getragen. Ich dachte, das muss man machen, um ernst genommen zu werden. Als ich den Job gekündigt habe, fühlte ich mich befreit. Endlich konnte ich wieder das tragen, was mir gefällt, und das sind schwingende, bunte Kleider. Darin fühle ich mich frei und wohl. Ich bin die bunte Wolke in der Modeszene (lacht).

Ich bin die bunte Wolke in der Modeszene

Du hast dich also von Moden befreit, obwohl du weiterhin in der Branche arbeitest?

Absolut, und ich mache mir auch nichts aus Designerklamotten oder -taschen. Wenn mir etwas gefällt, ist es mir völlig egal, welches Label es ist. Ich achte nur darauf, dass es kleine, lokale Labels sind, und dass sie nachhaltig produzieren. Ich trage meine Kleider auch sehr oft, was sich ja in gewisser Weise mit der Mode widerspricht. Dem Diktat, jede Saison neue Sachen zu kaufen, möchte mich nicht unterwerfen. Und diese Einstellung schätzen auch meine Follower an mir.

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Zu deinen Kleidern trägst du eigentlich immer Sneaker – aus modischen oder praktischen Gründen?

Ich trage immer Sneaker, weil sie am besten zu meinem Lifestyle passen. Ich kann keine hohen Schuhe tragen, weil ich immer busy bin, und immer zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs bin. Am liebsten trage ich weiße oder rosafarbene Sneaker – mein absoluter "Signature Look" ist ein buntes Kleid mit weißen Vans Classic. Die machen einen schönen Fuß, sind gemütlich und passen zu allem. Mein erstes Paar Sneaker – New Balance – habe ich mir '99 bei der Brigitte gekauft. Da war gerade diese New-Balance-Welle mit den tollen Pastelltönen, damals hatten alle diese Sneaker. Als ich danach Moderedakteurin bei der Gala wurde, habe ich nur noch hohe Schuhe getragen, weil es damals tabu war, in der Modebranche Sneaker zu tragen.

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Ich trage immer Sneaker, weil sie am besten zu meinem Lifestyle passen

Hast du ein liebstes Paar Sneaker, das du schon ewig besitzt?

Ehrlich gesagt nein. Ich trage Sneaker bis sie auseinanderfallen, und dann schmeiße ich sie weg! Erst hüte ich sie wie mein Augapfel, bis ich damit irgendwo hängenbleibe oder sie sonst wie beschädigt werden. Dann gehen sie in die zweite Stufe über und kommen mit auf Festivals und Partys, bis ich sie dann irgendwann entsorgen muss.

Ist Hamburg eine Sneaker-Stadt?

Ja, absolut. Hamburg ist – Eppendorf ausgenommen – keine schicke oder stylische Stadt, sondern eher zurückgenommen und sportlich. Die Jungs tragen hier beim Ausgehen Kapuzenpullis! Hamburg ist sehr viel Sankt Pauli, und Sneaker passen einfach zum "Sankt Pauli State of Mind".

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Auf Instagram postest du fast täglich Bilder von dir, ab und zu auch in Unterwäsche oder Bikini – man bekommt den Eindruck, dass du eine sehr selbstbewusste Frau bist. Fühlst du dich auch tatsächlich so?

Meistens schon. Ich habe mich schon immer Sachen getraut, die andere vielleicht nicht so gerne gemacht haben, wie Theater spielen oder in der Schule Sachen moderieren. Ich war immer die, die sich vorne hingestellt hat und ihre Stimme benutzt hat. Aber ich bin natürlich nicht jeden Tag so selbstbewusst, dass ich mich auf Instagram in Unterwäsche zeigen muss. Manchmal kann ich das auch nicht, und ich fühle mich nicht gut, zu dick, oder nicht schön… Aber die anderen Tage überwiegen mittlerweile.

Mit den Jahren habe ich verstanden, dass alles davon abhängt, wie man mit sich selbst umgeht. Man muss sich nicht unglaublich lieben, aber zumindest sollte man sich selbst ein guter Freund sein. Das musste ich in meiner Burnout-Zeit leider auch erst lernen. Frauen fühlen sich in ihrem Körper oft minderwertig, oder nicht zugehörig, und sie suchen das Problem immer bei sich. Beim Einkaufen fühlen sie sich unzulänglich, weil sie nirgendwo reinpassen – dabei liegt es daran, dass die Klamotten auf 16-jährige Fitting Modelle zugeschnitten sind. Die Mode kann immer noch nichts mit Plus-Size anfangen, obwohl die Durchschnittsfrau in Deutschland eine 42 trägt, was schon als Übergröße gilt.

Frauen fühlen sich in ihrem Körper oft minderwertig, oder nicht zugehörig, und sie suchen das Problem immer bei sich

Gab es einen ganz konkreten Moment in deinem Leben, als du beschlossen hast, dich so zu akzeptieren wie du bist, statt einem unerreichbaren Ideal hinterherzulaufen?

Das war eine langsame Entwicklung. Ich habe diesen Zirkus jahrelang mitgemacht, habe für ein Magazin gearbeitet und Models gebucht. Aber irgendwann habe ich angefangen, Sachen anzuziehen, die aus gesellschaftlicher Sicht für meine Figur "nicht geeignet" sind, wie Crop Tops oder Bikinis. Wenn du heutzutage ins Schwimmbad gehst, trägt keine Frau mit meiner Größe einen Bikini. Sie tragen alle dunkle Badeanzüge, um möglichst nicht aufzufallen. Das kommt daher, dass Frauen suggeriert wird, dass sie ab Größe 38 nicht mehr sexy sind, und in den Medien einfach nicht stattfinden.

Ich habe mir irgendwann gesagt: "Ich bin so, wie ich bin, ich kann keine 20 Kilo abnehmen". Ich bin dann auch nicht schöner – ich war schon mal sehr schlank, als ich mit 16 Magersucht hatte und fast nichts gegessen habe. Aber ich habe mich damals nicht besser gefühlt als heute, sondern eher schlechter. Mein Selbstbewusstsein war nicht existent. Ich bin zum Glück relativ gut wieder rausgekommen und hatte auch nie wieder einen Rückfall, aber ich kenne viele Frauen, die seit zwanzig Jahren damit kämpfen.

Am allerwichtigsten ist es, einen positiven inneren Dialog mit sich zu führen. Sich wohlwollend im Spiegel anzuschauen, sich nicht zu verstecken und sich auch mal ein Kompliment zu geben. Ich laufe zuhause sehr oft in Unterwäsche rum – das ist super, um seinen Körper zu sehen und zu erleben.

Am allerwichtigsten ist es, einen positiven inneren Dialog mit sich zu führen

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Zwischen der Entscheidung, Frieden mit seinem eigenen Körper zu schließen und dem Schritt, ihn stolz in der Öffentlichkeit zur Schau zu stellen, liegt ein weiter Weg – wie war diese Entwicklung bei dir?

Instagram hat mir dabei sehr geholfen. Als ich mit der Plattform angefangen habe, hätte ich mich niemals getraut so etwas zu posten, dabei war ich damals zehn oder fünfzehn Kilo schlanker als jetzt. Letzten Mai habe ich ein Fotoshooting für ein "Body Positive Swimwear"-Label aus Berlin organisiert, in dem Frauen in verschiedenen Altersgruppen, Kleidergrößen und Hautfarben in Bademode zu sehen waren – unter anderem auch ich. Das Feedback zu dem Shooting war enorm, nicht nur auf Instagram, sondern auch vonseiten der Presse, und danach war mir bewusst, dass ich damit etwas bewegen kann.

Wenn ich heute ein Bild von mir in Unterwäsche poste, muss ich mir einen halben Tag freinehmen, um die 200 Kommentare zu beantworten, die ich bekomme

Wenn ich heute ein Bild von mir in Unterwäsche poste, muss ich mir einen halben Tag freinehmen, um die 200 Kommentare zu beantworten, die ich bekomme. Viele sind sehr persönlich, Frauen öffnen sich, sprechen über ihre eigenen Erfahrungen, über ihre Essstörungen... Und da kann man nicht einfach mit einem Herzchen antworten. Vor kurzem hat mir eine Frau geschrieben, dass sie gerade das erste Mal in ihrem Leben einen Bikini getragen hat. Wegen mir! Ich war so gerührt, als ich das gelesen habe. Die Erlaubnis bekommen zu haben, damit weiterzumachen, ist toll. Deshalb liebe ich Instagram: Langsam bildet sich eine Community von Frauen, die sich gegenseitig positives Feedback geben und sich untereinander bestärken. Und wenn jemand anfängt, schlecht über sich selbst zu reden, sollte man das umleiten. Frauen müssen sich selbst erlauben, schön zu sein. Mit allen ihren Makeln.

Vielen Dank für das Gespräch, Melodie!