Gratis Versand in der mirapodo App
Warenkorb 0
Merkzettel PAYBACK

Sneakery Stories - Constanze-Osei-Becker


sneakery

Im Portrait: Constanze Osei-Becker

Managerin, Mutter eines
zweijährigen Sohnes und
Hip-Hop Fan

Wenn Constanze etwas wichtig ist, setzt sie sich leidenschaftlich dafür ein, doch dabei kommt die Strategie nicht zu kurz. Denn wenn man Dinge bewegen will, muss man Menschen bewegen – insbesondere diejenigen, die auf der entgegengesetzten Seite der Debatte stehen. Warum Constanze dafür perfekt geeignet ist, welche Rolle Hip-Hop in ihrem Leben spielt und warum sie ihr Heimatkiez Moabit nie gegen das noble Charlottenburg tauschen würde, erzählt sie uns im folgenden Gespräch.

Constanze, könntest du uns kurz erzählen, wo du herkommst, und was du hier in Berlin machst?

Ich komme aus Essen, im Ruhrgebiet, bin aber im Norden aufgewachsen, in der Nähe von Oldenburg – ein ziemlicher Kontrast! Ich bin seit 2009 in Berlin, damals bin ich nach dem Studium für meinen ersten Job hergezogen. Studiert habe ich Politikwissenschaften, Wirtschaft und später auch Kommunikationsmanagement. Aktuell arbeite ich als Public Policy Managerin in einem großen US-Amerikanischen Tech-Unternehmen.

sneakery

Was hat dich damals motiviert, Politik zu studieren? Und wie hat sich deine berufliche Laufbahn seitdem entwickelt?

Ich war schon immer eine politische Person und mir war schon früh klar, dass ich Politik studieren würde, weil mich fasziniert hat, wie Systeme funktionieren und wie Demokratie funktioniert. Ich habe mich viel politisch engagiert, aber ich wusste auch, dass ich keine Parteikarriere anstreben will, sondern dass ich eher an der Schnittstelle zu neuen Technologien arbeiten möchte.

Mir ist dann relativ schnell klar geworden, wenn man in dem Job etwas werden will, muss man auch mal sehen, wie die Wurst tatsächlich gemacht wird.

Während des Studiums habe ich angefangen, bei einem IT-Unternehmen zu arbeiten, was untypisch war, weil die anderen Studenten eher Praktika in Parteien gemacht haben oder in NGOs. Das habe ich teilweise auch gemacht, aber mich hat der Wirtschaftsbereich mehr interessiert. Über einen Studentenjob bin ich an meinen ersten Job in Berlin gekommen, wo ich im Bereich Government Relations eines deutschen Software Unternehmens gearbeitet habe. Mir ist dann relativ schnell klar geworden, wenn man in dem Job etwas werden will, muss man auch mal sehen, „wie die Wurst tatsächlich gemacht wird“, also mal in einer politischen Institution arbeiten. In meinem Fall war das der Deutsche Bundestag, wo ich drei Jahre für einen Abgeordneten gearbeitet habe, was sehr spannend war. Danach bin ich zu einem IT-Verband gegangen, zum einen, weil ich wieder auf die Wirtschaftsseite zurück wollte, und zum anderen, weil man dort eine große Bandbreite an Themen mitbekommt. Von dort aus bin ich zu meinem jetzigen Arbeitgeber gewechselt, weil ich für ein Unternehmen arbeiten wollte, was Grenzen puscht und an der Speerspitze von gesellschaftlicher und technologischer Entwicklung steht.

sneakery

Du hast dich schon früh für den technologischen Bereich interessiert – was hat dich daran genau gereizt? Warst du damals besonders technikaffin?

Ich war nie wirklich technikaffin, und das bin ich heute immer noch nicht. Aber ich bin sehr affin zu verstehen, welche gesellschaftlichen, politischen und gesetzlichen Auswirkungen Technologie hat. In den letzten Jahrzehnten hat es keine größere Revolution gegeben als die Digitale und es mich hat immer motiviert zu verstehen, was das mit Gesellschaften macht. Und ich bin Technologieoptimistin: wie kann Technologie dabei helfen, die großen Herausforderungen zu meistern? Ob im Bereich Bildung, Sicherheit, Gesundheit, Integration und Inklusion... Ich bin weniger an der technologischen Seite und mehr an der gesellschaftlichen Seite der Digitalisierung interessiert.

Was würdest du als den besten Part deines Jobs definieren, und was als den herausforderndsten?

Auf einer Metaebene würde ich sagen, dass es eine große Herausforderung ist, einen Vollzeitjob zu machen, der wenig berechenbar ist – alle, die im Bereich Politik, PR, oder Kommunikation arbeiten, sind extern getrieben. In meinem Bereich hat man insgesamt wenig Planungssicherheit, und das mit Hobbys, Familienleben und Kind zu kombinieren, ist schwierig.

In den letzten Jahrzehnten hat es keine größere Revolution gegeben als die Digitale und es mich hat immer motiviert zu verstehen, was das mit Gesellschaften macht.

Und das Schönste? Was motiviert dich in deinem beruflichen Alltag?

Es ist eine sehr kreative und strategische Arbeit, das macht Spaß. Außerdem arbeite ich mit vielen spannenden Leuten zusammen, vor allem mit vielen smarten Frauen, und das ist definitiv eine Motivation. Das Tagesgeschäft ist natürlich nicht immer motivierend, sondern manchmal auch nervig, aber insgesamt lerne ich jeden Tag, habe die Möglichkeit, kreativ zu sein und Dinge anzutreiben, und das ist toll.

sneakery
sneakery
sneakery

Du hast letztes Jahr an einem Mentoring-Programm für Frauen in der Politik teilgenommen. Gab es denn in deiner eigenen Laufbahn auch eine Mentorin oder jemanden, der dich besonders geprägt hat?

Wenn ich ehrlich bin, dann waren das bei mir vor allem Männer. Es gab zwar immer Frauen, die ich toll fand, aber ein „klassisches“ MentorInnenverhältnis hatte ich bislang immer nur mit Männern. Organisationen und MentorInnenprogramme, um Frauen zu unterstützen, haben vor allem in den letzten Jahren einen starken Aufwind bekommen. Ich hätte mir gewünscht, dass es solche Angebote schon gegeben hätte, als ich angefangen habe. Im politischen Umfeld existiert so etwas ohnehin kaum, da ist die Zeit noch mal ein Stück weit zurück, das ist immer noch ein sehr männerdominiertes Umfeld. Ich hätte mir eine starke Mentorin gewünscht, aber ich hatte zumindest das Glück, ein, zwei Männer zu haben, die mich inspiriert und unterstützt haben.

Wie haben sie dich denn konkret unterstützt?

In beiden Fällen war es nichts Formalisiertes, und ich glaube, es hätte auch meinem Typus widersprochen, einen Zehn-Jahres-Karriereplan mit jemandem zu konzipieren. Aber es waren Männer, die sehr ehrlich waren – sie hatten eine sachliche Direktheit, die ich sehr schätze, und die nicht immer ganz einfach zu bekommen ist, insbesondere von Frauen. Sie haben mir einen Spiegel vorgehalten und mir ehrliches Feedback gegeben, mir Kontakte vermittelt, Tipps gegeben und einfach ein bisschen darauf geschaut, dass ich beruflich das Beste aus mir heraushole.

Warum glaubst du, dass es unter Frauen schwieriger ist, auf einer „sachlich direkten“ Ebene miteinander zu kommunizieren?

Ich glaube, dass Frauen immer noch eher dahin erzogen werden, einen Konsens zu suchen und für sozialen Frieden zu sorgen, und das spiegelt sich im Beruf und in Teamstrukturen wieder. Ich weiß nicht, wann sich das ändert, aber dieses „Gendering“ ist in der Erziehung immer noch präsent: Frauen sind zurückgenommener, sollen eher mal die Hand hinhalten, sich vertragen, dafür sorgen, dass die Brüder sich nicht streiten. Frauen sind eher die Mediatoren, die für das soziale Gleichgewicht sorgen sollen, und das zeigt sich im Beruf eben auch. Deswegen ist es manchmal unter Frauen schwieriger, zu sagen: „Hier, das finde ich echt uncool von dir, aber lass uns nachher mal einen Wein trinken gehen“, ohne dass erstmal ein paar Tage lang schlechte Luft herrscht.

Ich glaube, dass Frauen immer noch eher dahin erzogen werden, einen Konsens zu suchen und für sozialen Frieden zu sorgen, und das spiegelt sich im Beruf und in Teamstrukturen wieder.

Du würdest also sagen, dass dich in der Vergangenheit vor allen Dingen konstruktive Kritik vorangebracht hat?

Ja, immer, und auch nur das. Anders geht es nicht. Konstruktive Kritik und Netzwerke, Beides ist unheimlich wichtig. Ich glaube, dass Frauen da noch viel tun müssen. Ich glaube, dass man, um Strukturen zu verändern, sich auch aktiv mit denjenigen auseinandersetzen muss, die in Machtpositionen sitzen. Ob es im Politischen ist, in einem Unternehmen, oder beim Thema Rassismus: es macht nirgendwo Sinn, dass sich Betroffene und Minderheiten nur untereinander austauschen und unterstützen. Das ist natürlich ebenso wichtig, aber man muss sich auch Verbündete aus anderen Lagern suchen, die einem Zugänge verschaffen, um Strukturen nachhaltig zu ändern.

sneakery

War Netzwerken und über die eigene Komfortzone hinausgehen etwas, das du schon immer automatisch gemacht hast, oder musstest du es erst lernen?

Ich glaube, ich habe es immer schon gemacht, weil ich zwischen unterschiedlichen Welten groß geworden bin. Mein Vater kommt aus Ghana, er ist ein sehr gläubiger und eher konservativer Mann; meine Mutter ist Deutsche, sie ist eher ein Hippie, glaubt gar nicht an Gott – oder mittlerweile schon wieder –; ich habe jahrelang in Essen gewohnt, im Pott, und bin dann auf ein kleines Dorf in Niedersachsen gezogen; ich bin viel gereist... Deswegen ging es nie anders, als sich viel damit zu befassen, was rechts und links passiert, wie andere Leute einen wahrnehmen. Netzwerken ist etwas, das ich immer spannend fand. Ich war auch schon immer eine soziale Person, aber natürlich gibt es trotz allem viele Dinge, die ich im Laufe meiner Karriere gelernt habe, und noch lernen muss. Es ist ein Prozess, der nie endet.

Du hast vorhin erwähnt, dass du nicht der Typ bist, der einen langfristigen Karriereplan aufstellt – welche Strategien hast du bisher angewendet, um deine beruflichen Ziele zu erreichen? Wie viel hast du bewusst geplant, und wann hast du dich eher treiben lassen?

Ich wusste ganz grundsätzlich, in welche Richtung ich wollte: im politischen und technologischen Umfeld arbeiten. Ich wusste auch, dass ich erfolgreich sein möchte und finanziell eigenständig. Das waren grob die Koordinaten, die mich geleitet haben.

Ich habe natürlich immer mal wieder strategische Entscheidungen getroffen, wie zum Beispiel bei meinem ersten Job: obwohl er mir sehr gut gefallen hat, habe ich beschlossen zu kündigen, um im Bundestag zu arbeiten. Natürlich hatte ich Lust darauf, aber mir war vor allen Dingen klar, dass es eine wichtige Schule sein würde für alles Weitere. Darüber hinaus bin ich niemand, der minutiös plant – obwohl ich es jetzt wegen Leo ein bisschen mehr tun muss.

Dein Sohn Leo ist gerade zwei geworden – wie hat sich dein Leben verändert, seit du Mutter geworden bist? Wie habt ihr euch in der ersten Zeit organisiert?

Nach der Geburt war ich sieben oder acht Monate lang raus aus dem Job, und mein Mann hat – was leider immer noch außergewöhnlich ist – sechs Monate Elternzeit genommen. Wir haben uns ein paar Monate geteilt, in denen wir gereist sind, und dann war er vier Monate alleine mit dem Kind zuhause. Das hat es mir erlaubt, nach der Zeit relativ beruhigt, in Vollzeit zurückzugehen.

sneakery

Am Anfang war es eine krasse Umstellung. Wir schlafen bis heute nicht durch – und dann ist es besonders hart, einen Vollzeitjob zu haben, in dem du sehr präsent sein musst, nach Hause zu kommen, weiter präsent zu sein und dieses Energielevel konstant zu halten. Es hat ein bisschen gedauert, bis sich mein Körper daran gewöhnt hat, aber insgesamt habe ich es als unglaublich bereichernd empfunden. Ich mag meinen Job, und Leo ist das Wichtigste auf der Welt, aber eben auch nicht alles. Ich mag meine Freunde, ich habe Hobbys und eine Partnerschaft, und ich empfinde es als ein Privileg, alles unter einen Hut zu bringen zu können. Das gibt mir eher Energie, als dass es mich abschreckt oder ermüdet.

sneakery
sneakery

Hast du dich während der Schwangerschaft viel damit beschäftigt, wie du es schaffen würdest, die unterschiedlichen Facetten deines Lebens mit der Mutterschaft unter einen Hut zu bringen?

Nein, nicht wirklich. Ich glaube, das ist das Afrikanische in mir – ich bin da entspannt. Erst wenn ein Problem auftaucht, kümmere ich mich darum, und nicht vorher. Ich glaube, dass man selber viel in der Hand hat und Dinge gestalten kann, wenn man in etwa weiß, was man möchte. Dann klappt es entweder, oder es klappt nicht, und wenn nicht, dann muss man justieren. Aber ich habe schlicht keine Zeit dafür, mir im Vorfeld Gedanken darüber zu machen, was alles schiefgehen könnte.

Aber ihr habt euch wahrscheinlich im Vorhinein darüber unterhalten, wie ihr die Elternzeit gestalten würdet, und was eure jeweiligen Vorstellungen in Bezug auf die Erziehung eures Sohnes sind, oder? Habt ihr da von Anfang an einem Strang gezogen?

Ja, auf jeden Fall. Ich hatte das große Glück, dass das nie eine Diskussion war zwischen uns. Mein Mann kommt aus dem Osten, und ich will es nicht ausschließlich darauf schieben, aber er hat es zuhause nicht anders erlebt. Seine Mutter ist sehr früh wieder arbeiten gegangen, so wie viele Frauen in der ehemaligen DDR. Das war natürlich nicht immer ganz freiwillig, also sollte man es nicht in den schönsten Tönen loben, aber so war seine Realität. Seine Eltern haben beide mit angepackt: sein Vater hat die Kostüme genäht zu Karneval, ist mit den Kindern in den Urlaub gefahren, der Haushalt wurde geteilt – Mein Mann hat das alles miterlebt, und deswegen war die Frage nach der Aufteilung nie ein Thema bei uns. Es war eher ein Streitpunkt, wie lange er mit dem Kind zuhause bleiben kann. Ich wäre tendenziell noch ein, zwei Monate länger geblieben, aber er hat gesagt: „Nein, ich will jetzt auch meine Zeit mit dem Kind haben“.

Mein Mann Falk schreibt übrigens auch einen Blog (www.papamachtsachen.de) über das Leben und Arbeiten mit Kind in Berlin. Es gibt tausende Mama-Blogs, aber nur wenige Seiten, auf denen Väter von Vätern lesen können. Da viele Eltern, genau wie wir, in Vollzeit arbeiten, sind die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und all die Herausforderungen, die damit noch immer verbunden sind, ein großes Thema des Blogs.

Ich wäre tendenziell noch ein, zwei Monate länger geblieben, aber er hat gesagt: „Nein, ich will jetzt auch meine Zeit mit dem Kind haben“.

Welche Auswirkungen hatte es für die Familiendynamik, dass Falk vier Monate alleine mit Leo zuhause geblieben ist? Macht sich das in eurem Alltag bemerkbar?

Auf jeden Fall. Sehr lange Zeit war es Leo egal, wer sich um ihn kümmert, ob Mama oder Papa – das wollen Mamas oft nicht hören, aber gerade, wenn Kinder so klein sind, dann brauchen sie Verlässlichkeit, Nähe und jemanden, der für sie da ist. Und es ist ehrlicherweise oft egal, ob es die Mutter ist, der Vater oder die Oma. Man ist entbehrlicher, als man glaubt. Aber es ist schon so, dass er seine Phasen hat, und gerade hat Leo eher eine Mamaphase. Vielleicht liegt es daran, dass ich ein bisschen mehr arbeite als mein Mann. Aber grundsätzlich fühlt er sich bei uns beiden sehr wohl.

Das Schöne ist auch, dass mein Mann genauso über alles Bescheid weiß – er ruft mich nicht an und sagt: oh, das Kind hustet, was mache ich jetzt? Wo ist die Nummer der Ärztin? Keiner von uns hat einen Wissensvorsprung. Das ist gut, und anders würde es gar nicht funktionieren. Wenn ich aus dem Büro heraus immer „Backup-MC" sein müsste, dann würde das nicht funktionieren.

sneakery

Hat sich dein Blick auf deine Arbeit verändert, seit es Leo gibt? Haben sich Prioritäten verschoben?

Mir haben meine Jobs immer Spaß gemacht und ich habe immer viel Energie reingesteckt. Trotzdem hatte ich einen relativ gesunden Abstand zur Arbeit. Viele in unserer Generation haben den Luxus, viel mehr reininterpretieren zu können in die Arbeit, als es unsere Eltern es noch konnten. Der Job muss erfüllend sein, die Welt retten, gleichzeitig muss man viel Geld verdienen, er soll einen fördern, und auch fordern – das ist alles toll, aber als Angestellte bleibt es für mich dennoch ein Job. Durch Leo ist der Abstand noch ein bisschen grösser geworden, aber ansonsten hat sich nicht viel verändert. Ich bin vielleicht in Bezug auf manche Themen sensibilisierter geworden, z.B. bei Frauen- und Mütterthemen. Ich versuche auch bei uns im Unternehmen viel über diese Themen zu sprechen und Dinge zu verändern, die nicht sehr elternfreundlich sind.

Kannst du konkrete Beispiele nennen? Was versuchst du gerade zu verändern?

Es gibt bei uns zum Beispiel keine Teilzeit. Rechtlich gesehen hat man natürlich einen Anspruch darauf, und es wäre bei meiner Vorgesetzten auch jenseits dessen kein Problem, in Teilzeit zu arbeiten. Trotzdem gibt es bislang niemanden, der es einfach macht. Im Hinblick auf die Frauen in unserem Unternehmen, die Mütter werden wollen, oder solche, die sich bei uns bewerben wollen, sollte es meiner Meinung nach aber klare Angebote geben. Es müssen vielleicht nicht die 50 % Teilzeit sein, aber flexible Arbeitszeitmodelle sind unheimlich wichtig. Nicht nur für Mütter und Väter, auch für Leute die Familienangehörige pflegen, oder für Leute, die sich parallel noch weiterbilden wollen.

Auf deinen eigenen Social Media Kanälen sind alle Informationen privat, und insgesamt scheinst du deine Privatsphäre im Internet sehr zu wahren – man findet nicht viel über dich, was gerade im Hinblick auf deinen Job interessant ist. Woran liegt das?

Ich bin tatsächlich sehr privat auf Social Media, obwohl ich Facebook und Instagram liebe und auch oft benutze. Ich empfinde das aber gar nicht als Widerspruch. Jeder kann „sozial“ so interpretieren, wie er oder sie möchte. Da ich schon sehr lange auf Facebook aktiv bin – unter anderem, weil ich eine Zeit in den USA verbracht habe, bevor StudiVZ hier in Deutschland ankam – habe ich das Netzwerk historisch immer privat genutzt. Deshalb tue ich mich persönlich ein bisschen schwerer mit der Verheiratung von Beruf und Privatleben auf den Plattformen. Aber das gehört dazu, und damit gehe ich um, aber die meisten Netzwerke, die ich benutze, sind für Freunde und Bekannte, für mein soziales Leben und für Events. Bei klar berufsbezogenen Netzwerke, handhabe ich das anders, aber tendenziell bin ich eher privat und betreibe auch kein so starkes „Personal Branding“. Vielleicht ändert sich das noch mal, Social Media bieten dafür natürlich großartige Möglichkeiten. Ich kenne viele coole Beispiele von Menschen, auch im politischen Umfeld, die über Facebook und Co. ihre eigene Marke aufgebaut haben. Aber ich bin dafür entweder zu zurückhaltend oder nicht strategisch genug – vielleicht sollte ich das ändern?

sneakery

Du engagierst dich nicht nur für Themen wie familienfreundliche Arbeitszeitmodelle oder die Vernetzung von Frauen im Beruf, sondern auch für antirassistische Bewegungen. Könntest du uns etwas dazu erzählen?

Für mich ist das ein unheimlich wichtiges Thema, mit dem ich mich viel auseinandergesetzt habe – auch weil ich es musste. Rassismus in Deutschland – insbesondere in Bezug auf schwarze Menschen ist immer noch ein Nischenthema. Das gilt auch für vermeintlich liberale urbane Zentren wie Berlin. Rassismus gilt als erledigt, als ob es das Problem nicht mehr gäbe. Viele Leute meinen, natürlich gibt es noch die Nazis mit ihren Springerstiefeln, und die sind böse, aber ansonsten leben wir in einer postrassistischen Gesellschaft. Das ist natürlich völliger Unfug. Sich kritisch damit auseinanderzusetzen, Gespräche zu suchen und aktiv zu sein, ist anstrengend aber unheimlich wichtig.

Für mich ist das ein unheimlich wichtiges Thema, mit dem ich mich viel auseinandergesetzt habe – auch weil ich es musste.

Wie genau machst du das?

Ich bin Teil verschiedener Initiativen in Berlin und deutschlandweit, ich versuche aber auch direkt in meinem Unternehmen diese Themen voranzutreiben. Es gibt beispielsweise eine Gruppe für schwarze MitarbeiterInnen, die entstanden ist, um sich gegenseitig zu unterstützen und einen Anlaufpunkt zu schaffen. Dabei geht es natürlich nicht darum, sich abzusondern, sondern auch aus dieser Gruppe hinauszuwirken und für Bewusstsein bei anderen zu sorgen.

Das Thema Diversity und Inklusion mag ein Trendthema sein, aber wenn du dir anguckst, was in Deutschland unter Diversity verstanden wird, ist das sehr ernüchternd. Aktuelle Umfragen zeigen beispielsweise, dass auch Themen wie „Work-Life-Balance“ oder Familienpflege unter dieses Stichwort gepackt werden. Und wenn es dann tatsächlich um Diversity geht, werden oft nur Genderfragen thematisiert, was natürlich auch ein wichtiges Thema ist, aber eben nur eine Facette. Es gibt Menschen mit Behinderungen, es gibt politische Diversity, es gibt kulturelle Diversity, es gibt unheimlich viele Sphären von Diversity, die unter anderem für Unternehmenserfolg relevant sind.

Wie sehr hat dich deine bikulturelle Herkunft geprägt, und welchen Einfluss hatte sie auf die Entwicklung deiner Identität? Hat dein Vater dir seine Kultur aktiv nahegebracht?

Es prägt mich absolut, es ist ein Teil von mir, es ist immer präsent. Schon allein wegen meines Aussehens. Wenn ich meine Haare nicht geglättet habe, ist es umso mehr Thema.

sneakery

Mein Vater hat mir die Kultur nie aktiv nahegebracht, einfach weil er nach Außen versucht hat, so Deutsch wie möglich zu sein, um nicht aufzufallen und anerkannt zu werden. Und das wollte er auch für mich. Das ist übrigens ein Phänomen vieler Nicht-Deutscher Eltern. Ich finde es traurig und tragisch, dass er das Gefühl hatte, seine Kultur nicht ausleben zu dürfen, weil sie nicht nur nicht wertgeschätzt wurde, sondern auch noch als eine Form von nicht-Integration wahrgenommen wurde. Indirekt hat er mir die Kultur natürlich stark vermittelt. Mein Vater hat fast ausschließlich Twi zu Hause gesprochen, eine der großen Landessprachen in Ghana. Und auch durch das Kulinarische war die Kultur immer präsent. Und ich habe alles aufgesogen, was ich konnte. Ich liebe insbesondere die traditionelle Mode. Mein Vater gehört zum Ashanti Stamm, aus dem eine besondere Webart namens Kente kommt. Mein Vater hat viele Stücke und ich habe auch zu einem Teil meiner Hochzeit ein Kleid aus Kente getragen. Zu Leos Geburt hat er uns mehrere kleine Kente und Ankara (bunte Baumwollstoffe) Outfits geschenkt, aber er sie viel zu groß schneidern lassen – sie passen Leo heute immer noch nicht!

Interessanterweise hat sich sein Zugang zu diesen Themen gewandet. Heute reden wir sehr viel über Politik und Kultur in Ghana, was sehr schön ist.

Sneaker sind für mich nicht nur ein Modethema, sondern stehen für eine ganze Kultur.

sneakery
sneakery

Du bist vor fast zehn Jahren nach Berlin gezogen – wie lange seid ihr denn schon in dieser Wohnung?

Wir wohnen seit sieben Jahren hier, sind aber innerhalb unserer Wohnung schon zum vierten oder fünften Mal umgezogen! Das Wohnzimmer, in dem wir gerade sitzen, war bis vor ein paar Wochen noch ein Schlafzimmer. Als wir hier eingezogen sind, war es eine Bibliothek, an allen Wänden standen Bücherregale… Sieben Jahre sind eine lange Zeit. Ich gestalte sehr gerne Räume, und obwohl sich mein Geschmack nicht radikal verändert hat, haben wir uns in der Zeit persönlich weiterentwickelt, und dementsprechend mussten sich die Räume auch verändern. Jetzt sind wir wieder dabei, alles umzustellen – dieses Zimmer streichen wir gerade komplett blau. Das Bild von Olaf Hajek, was auf dem Tisch steht, ist eigentlich schon immer unserer Leitfaden gewesen, was die farbliche Gestaltung der Wohnung angeht. Ich habe es vor fünf Jahren von meinem Mann zu Weihnachten bekommen, und die Farben in dem Bild sind auch ein bisschen die Farben meines Lebens.

sneakery
sneakery

Du hast gerade von Wänden voller Bücher gesprochen – wer von euch ist denn der Bücherwurm im Haus? Und was für Bücher lest ihr am liebsten?

Wir beide lieben und sammeln Bücher. Darunter sind gute Romane, aber auch sehr viele Sachbücher, speziell wenn sie kreativ gemacht sind, wie zum Beispiel das Buch „Die Erde und ich“, das sich durch die Augen verschiedener Experten mit dem Einfluss von Menschen auf unsere Welt auseinandersetzt und wunderschön von Jack Hudson illustriert ist. Wir sind beide Krimi-Fans, und ich lese auch viel Literatur von afro-amerikanischen und afrikanischen Schriftstellern. Wir mögen Biografien sehr gerne, und Bildbände über das Reisen sind auch ein Riesenthema. Und wir haben sehr viel Hip-Hop Literatur!

sneakery
sneakery
sneakery

Warum? Bist du ein großer Hip-Hop Fan?

Soul und Hip-Hop sind eine große Konstante in meinem Leben. Ich verbringe viel Zeit mit allem, was sich drumherum rankt: auf Konzerte gehen, bewusst Musik hören, mich mit Freunden über Musik austauschen... Eigentlich ist alles, was mit Musik und Tanz zu tun hat, eine große Leidenschaft von mir. Nach dem Abi war ich in den USA auf einer Tanzschule. Ich dachte nie ernsthaft, dass ich Profitänzerin werden würde, aber ich hatte genug Leidenschaft und Lust, dass ich für einen Sommerkurs am Broadway Dance Center war und zeitgenössischen Tanz gemacht habe. Ich habe auch lange Klavier gespielt, und endlich wieder damit anzufangen, steht schon ewig auf meiner „Bucket List“.

Damals waren Sneaker auch ein politisches Symbol und nicht nur ein modisches Statement.

Teilt dein Mann diese Leidenschaft?

Ja. Wir gehen zusammen auf Festivals, zum Beispiel aufs Splash!. Falk hört mehr deutschen Hip-Hop als ich, und ich bin vielleicht ein bisschen extremer als er. Für mich ist das Thema kulturell tiefer verankert und meine Liebe für Sneaker hängt sicher auch damit zusammen. Sneaker sind für mich nicht nur ein Modethema, sondern stehen für eine ganze Kultur.

Was genau assoziierst du mit der Sneaker-Kultur?

Hip-Hop hat Sneaker erst groß und cool gemacht, angefangen mit dem ersten Major Deal von Run DMC und adidas Mitte der 80er. Damals waren Sneaker auch ein politisches Symbol und nicht nur ein modisches Statement. Aber Sneaker sind für mich natürlich auch eine Style-Frage und ein Lebensgefühl. Ich glaube, ich werde Typen, die Sneaker tragen, immer toll finden, selbst wenn ich sechzig bin. Männer die ihre Hose ein bisschen lockerer tragen, und Sneaker an den Füßen... finde ich super! (lacht).

Aber Sneaker sind für mich natürlich auch eine Style-Frage und ein Lebensgefühl. Ich glaube, ich werde Typen, die Sneaker tragen, immer toll finden, selbst wenn ich sechzig bin.

Trägst du selbst auch oft Sneaker?

Ja, nicht nur, aber auch. Das Coole an Sneakern ist, dass sie viel gesellschaftsfähiger geworden sind, was mir gerade in Bezug auf meine Branche sehr entgegenkommt. Deshalb liebe ich Chucks so sehr – man kann sie zu einem guten Hosenanzug tragen, und keiner schaut einen schräg an. Ab und zu gehe ich mit Chucks auch zu Geschäftsterminen.

sneakery
sneakery
sneakery
sneakery

Du scheinst ein echter weiße Sneaker-Fan zu sein – aus dem sneakery-Store hast du dir Chuck Taylors und Rebook Classics ausgesucht! Warum hast du dich bei beiden für die Version in Weiß entschieden?

Ich achte immer darauf, dass in meinen Outfits nur eine starke Farbe auftaucht und der Rest neutral ist – ein bisschen so, wie ich meine Räume gestalte – und deswegen passen gerade die weißen Sneaker super zu mir.

Das Coole an Sneakern ist, dass sie viel gesellschaftsfähiger geworden sind, was mir gerade in Bezug auf meine Branche sehr entgegenkommt. Deshalb liebe ich Chucks so sehr – man kann sie zu einem guten Hosenanzug tragen, und keiner schaut einen schräg an.

sneakery

Hast du ein Paar Sneaker, an denen du besonders hängst?

Ja, meine personalisierten Adidas mit dem Moabit-Schriftzug!

Wow, das nenne ich Kieztreue. Warum findest du Moabit so toll? Was ist so besonders an deinem Viertel?

sneakery
sneakery
sneakery

Wir sind wirklich große Moabit-Fans. Ich wohne hier, seit ich in Berlin lebe, aber das hat sich eher zufällig ergeben. Ich habe damals eine WG gesucht und hier eine gefunden. Davor kannte ich Moabit nicht mal als Begriff – aber als ich plötzlich hier war, habe ich es geliebt! Moabit ist unaufgeregt und divers. Ich mag es nicht zu homogen – obwohl ich alles um den Helmholtzplatz super schön finde, Charlottenburg sehr mag, und gerne mit meinen Freunden in Kreuzberg bin, wohne ich lieber an einem Ort, der sich nach einem echten Querschnitt der Gesellschaft anfühlt. Und das ist hier einfach der Fall. Mit einer Tendenz zum Rauen, was ich auch ganz gut finde.

Wohin gehst du, wenn du in deinem Viertel spazieren möchtest? Was sind deine Lieblingsorte?

sneakery

Ich mag das ZKU sehr, das Zentrum für Kunst und Urbanistik, das gibt es noch gar nicht so lange. Es ist ein Areal, das mal der Deutschen Bahn gehört hat, und wo mittlerweile Gemeinschaftsgärten sind. Im Sommer wird dort eine kleine Bar betrieben, es gibt einen Spielplatz, hinten ist eine große Wiese, auf der man grillen kann, und Abends hat man von dort einen wunderschönen Blick auf den Westhafen. Dort werden mittlerweile auch ganz viele Events veranstaltet. Letztes Jahr gab es dort zwei Boiler Room-Partys, die natürlich komplett an mir vorbeigegangen sind, weil ich gar nicht damit rechne, dass hier irgendwas passiert (lacht).

Ich mag es nicht zu homogen, wohne lieber an einem Ort, der sich nach einem echten Querschnitt der Gesellschaft anfühlt.

Ansonsten liebe ich auch die Arminius-Markthalle. Baulich ist sie wunderschön, und sie hat sich mittlerweile richtig gemacht. Es gibt ein paar Hipster-Läden, man kann Pulled Pork und Burger essen, aber man kriegt immer noch eine Currywurst für 1.10 €, und das Publikum ist dementsprechend gemischt. Ich weiß nicht, wie lange es noch so bleiben wird, aber es fühlt sich noch sehr „echt“ an, so wie der Rest von Moabit. Und der Norma ist auch noch hier!

sneakery
sneakery

Constanze, vielen Dank für das Gespräch und den Spaziergang durch dein Viertel!